#1 Juni 2020 Komisches Jahr.. Anfangs April hatten wir wohl alle den Hafenkoller und das Zürcher Telefonbuch zum dritten Mal zusammen gezählt. Da man in der Schweiz mit ein wenig Wissen auch bestens und legal ohne Campingplätze auskommt, habe ich mein Glück versucht; genügend Klamotten in den Camper, Systeme checken und weg.

 

Das wäre allerdings ein eigenes Buch wert. Von Leuten, die es auch langsam gesehen haben mit ‚bleiben Sie zuhause‘ bis hin zu aggressiven verbalen Attacken... Kantönligeist in Zeiten globaler Themen, dann wieder Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft. Spannende Zeiten.

 

Am 6. Juni 2020 öffnen die Campingplätze. Ich bin noch im Gebiet San Bernardino unterwegs und lande in Melano. Hier herrscht Wildnis, das Gras steht hoch und der Platz ist nur dünn besiedelt. Im Verlauf des Juni wagen sich immer mehr Camper raus, allerdings ausschliesslich Schweizer. Seltsam, wie das die Atmosphäre verändert. Oder haben sich mal nur die coolen Schweizer hier versammelt...

#2 Juli 2020 Das Wetter ist wie es sein muss, heiss und trocken. Die Schulferien haben begonnen, ein guter Zeitpunkt um einige Tage in die Berge zu fahren. Ich treffe mich mit guten Freunden am Oberaarsee in der Grimsel Region, die ich via Nufenenpass und Grimselpass erreiche. Camper wohin man schaut; die Situation haben offenbar viele Schweizer genutzt, um in neuen oder gemieteten Camper aller Art Ferien in der Schweiz zu machen. Wir richten uns ein, spät nachts mit Kamera und Stativ, hier oben ist die Milchstrasse fantastisch!

 

Das Wetter hier ist allerdings typisch gebirgig, Sonne und Regen wechseln sich ab. Ich bleibe trotzdem 4 Tage in dieser unglaublichen Kulisse und geniesse 12-14 Grad, während es am Luganersee stockig heiss ist. Einer der schönsten Kontraste, die es gibt.

 

Immer wieder beobachte ich die Entwicklung im Ausland bezüglich Covid; langsam wird mir klar, mit Reisen ausserhalb der Schweiz wird das wohl nichts... denn auf Quarantäne habe ich wirklich keine Lust.

#3 August 2020 Neue Bekanntschaften; wie so oft ist das manchmal nett und manchmal weniger. Den 1. August feiern wir auf Covid-Art: bleiben Sie zuhause und halten Sie Distanz. Ich habe trotzdem selten so einen friedlichen Festtag erlebt. Das Paradiso hat einen neuen Küchenchef der Extraklasse, wir spachteln in losen Formen, wo‘s gerade Platz hat. 

 

Viele Camper sind auf der Durchreise nach Italien und Kroatien. Laut wird verkündet man fürchte sich nicht vor dem Covid und lasse sich nicht einschränken. Einige stehen aber nach 3-4 Tagen wieder hier... Ich fürchte mich auch nicht vor dem Virus, aber davor, was daraus gemacht wird... wie sich zeigt zu Recht. Die Leute berichten es wäre unendlich mühsam aufgrund der allgemeinen und lokalen unterschiedlichen Regelungen.

 

Ich spüle geistig sämtliche Vorhaben, Italien und Slovenien müssen warten... stattdessen bewege ich mich ab und zu in Richtung Misox und San Bernardino, ein traumhaftes Gebiet übrigens.

≠4 September 2020. Das Wetter spielt verrückt - Sturm, Starkregen. Das ist eine gute Gelegenheit, eine alte Pendenz zu erledigen. Ich ziehe via San Bernardino und Julierpass um nach Samedan, halte da zwei Nächte und fahre weiter auf den Camping Morteratsch. Der Plan ist, sobald es das Wetter zulässt, auf der rechten Talseite auf die Boval zu steigen.

 

Wenige Stunden später setzt Schneefall ein, und das nicht zu knapp. Die Temperatur fällt weit unter den Gefrierpunkt. Zuerst gefrieren die Flip Flops, welche man nach den neusten Modetrends auch mit Socken tragen kann - es sieht Scheisse aus... Dann überzieht ein eisiger Panzer mein Rollhäuschen, Heizung angeworfen und dann: raus. Es ist eine Märchenlandschaft. Mein Stellplatz liegt direkt an einem kleinen See. Ich erkunde die Gegend, eine Ecke ist schöner als die Andere. Auf dem Rückweg komme ich an der Reception vorbei - Herr und Frau Schweizer ergreifen die Flucht, jeder will auschecken und fort. Ich freue mich diebisch auf die Nacht, den nächsten Tag und hoffe auf noch mehr Schnee.

 

Am Morgen des nächsten Tages montiere ich Bergschuhe, Rucksack, Kappe und Handschuhe und ziehe los in Richtung Boval auf 2500m. Anfänglich geht das gut, aber je höher ich steige desto tiefer wird der Neuschnee. Er überzuckert Steine, Löcher und vom Weg ist nichts zu sehen. Kein Mensch ist auf der Route, es gibt Steinschlag und kleine Schneerutsche. Ich navigiere also nach der Nase und erreiche das Ziel um die Mittagszeit bei minus 12 Grad und starkem Wind. Die Gipfel sind im Nebel; so unglaublich schön das aussieht, phototechnisch ist es nicht ganz ideal. Der Biancograt versteckt sich während drei Tagen hartnäckig hinter den Wolken.

 

Ich bin verliebt in diesen grossartigen Platz, und mit etwas Wehmut fahre ich am 30.09.2020 nach Gebertingen, um ein paar technische Probleme zu beheben, einen sehr kurzen Besuch zuhause zu machen und am 4.10. wieder in Melano zu sein.

#5 Oktober 2020. Auf zwei Gleitschirm-Tandemflügen sticht mich ein seltsames Insekt. Es fühlt sich an wie eine neue Dimension. Als reiner Passagier ist es verhältnismässig locker. Steuert man diesen grossen Schirm selber, offenbart sich die ganze Schönheit dieses Sports. Ich melde mich begeistert zu einem Pilotenkurs an. 


Das wird ein schönes Stück Arbeit. Bei Null Kilometer Wind versuche ich, den Schirm einen leicht geneigten Hang hinunter genügend zu beschleunigen, dass ich abhebe. Man nennt das Uebungshang, ich nenne es Hamburger Hill. 


Es klappt erst nach mehreren Anläufen und dann bin ich schon fast reif für die Sauerstoffflasche. Rauf runter, langsam kapiere ich wie der Schirm ausgelegt, die Leinen kontrolliert und der Sitz angeschnallt werden muss. Viele Dinge gleichzeitig müssen koordiniert ablaufen. Wir tasten uns also weiter ran, kleine Fortschritte sind daran ersichtlich dass ich bereits nicht mehr jedesmal ungespitzt in den Boden fahre. Manchmal muss man sich an den kleinen Sachen freuen.